Was wir aus der Dotcom-Blase lernen können

Wenn Aktien auf Euphorie und Gier treffen: Die Dotcom-Blase als Lehrstück für Anleger

Die Schlagzeilen aus dem Jahr 2000 haben viele Sparer noch lebhaft in Erinnerung – sie dienen auch als Mahnmal für die neue Anleger-Generation, nach dem Motto: Das passiert, wenn ihr Aktien kauft! Und das ist nicht ganz unverständlich: Als die Kapitalmarkt-Blase im März 2000 platzte, verloren vor allem die Privatanleger viel Geld. Um aus der Dotcom-Blase zu lernen, müssen wir verstehen, was passiert ist. Dafür begleiten wir das fiktive Unternehmen „Anderlin Fashion“ durch die Dotcom-Blase.

Das erfahren Sie in diesem Artikel:

  • Kapitalmarkt-Blasen entstehen durch zu hohe, sich später nicht erfüllende Wachstums-Hoffnungen der Anleger. Die kaufen dann verstärkt und zielgerichtet Aktien eines einzelnen Unternehmens oder einer Branche, auf die sie große Wachstums-Erwartungen setzen. Wenn das Unternehmen oder die Branche parallel dazu keine oder wenig „echte Werte“ produziert, entsteht ein „aufgeblasener“ Aktienkurs.
  • Die Blase platzt, wenn das Vertrauen der Anleger erschüttert wird oder das Unternehmen überraschend Insolvenz anmeldet – das kann den Totalverlust des angelegten Geldes bedeuten.
  • Die Dotcom-Blase war Mitte bis Ende der 1990er-Jahre eine Kapitalmarkt-Blase im Bereich der neuen „Internet-Unternehmen“.
  • Den negativen Folgen von Kapitalmarkt-Blasen können Sie am besten entgehen, wenn Sie breit gestreut anlegen, statt in einzelne Wertpapiere.

Sie wollen direkt wissen, welche Lehren wir aus der Dotcom-Blase ziehen können? Dann gehts hier weiter.

Was passiert bei einer Kapitalmarkt-Blase?

  1. Viele Anleger kaufen immer mehr Aktien aus einem bestimmten Marktsegment oder eines einzelnen Unternehmens. Meist passiert das aufgrund eines Trends, großer Erwartungen oder einer allgemeinen Euphorie in einem bestimmten Segment.
  2. Der Preis dieser Euphorie-Aktien steigt immer weiter. Der Aktienkurs, also der Preis pro Aktie, hat aber mit „echten Werten“ im Unternehmen nichts zu tun.
  3. Wenn das Unternehmen dann parallel wenig Umsätze, Produkte und Patente produziert, steht dem großen Börsenwert kein echter Wert gegenüber.
  4. Das geht solange gut, wie das Unternehmen wirtschaftlich überlebt und den Schein von Produktivität (oder wenigstens guten Ideen) wahren kann. Je größer die Euphorie, desto länger kann die Blase anwachsen.
  5. Die Blase platzt, wenn offensichtlich wird, dass die Erwartungen sich nicht erfüllen. Das führt zu einer Kettenreaktion aus Vertrauensverlusten, fallenden Kursen und fehlenden neuen Investoren.

Die Dotcom-Blase war das Ergebnis der Euphorie vieler Groß- und Privatanleger für die sogenannte „New Economy“.

 

Dieses Segment umschloss die damals neuen Bereiche des Online-Business: eCommerce, digitale Videoplattformen und Social Media-Vorgänger.

Die Dotcom-Blase ist grob in fünf Phasen einteilbar, von der großen Anfangs-Euphorie bis zum „Dotcom-Kater“.

Die Dotcom-Blase, Phase 1: Der grenzenlose Optimismus

Mitte der 1990er-Jahre war das Internet wirklich noch ein Neuland, in dem große Aufbruch-Stimmung herrschte. Das World Wide Web wuchs vom Nerd- und Wissenschafts-Tool langsam zum Massenphänomen, vor allem durch die ersten Browser. Unternehmen wie Google, eBay, Yahoo und Amazon entstanden. Das Internet machte Dinge möglich, die wir einige Jahre zuvor noch futuristisch nannten: digital vernetzte Lagerhaltung, elektronische Briefe ohne Briefmarken, kurz „E-Mail“ und digitale Ladengeschäfte, sogenannte „Online Shops“.

Das Internet veränderte die Welt wie vorher zuletzt der Buchdruck – nur in viel kürzerer Zeit.

Das fiktive Unternehmen „Anderlin Fashion“: Die Geschäftsidee
1997 hatten drei deutsche Modeschöpfer eine Idee: Das neue Konzept des „Online Shops“ in die gehobene Modewelt übertragen. Ein Mode-Portal im Internet, international ausgerichtet. Das Ziel: Mode-Shopping für immer revolutionieren. Zudem wollten sie ihr digitales Ladengeschäft ohne Versandgebühren umsetzen, um sich nochmals vom klassischen Katalogversand abzusetzen. Schließlich machte das Internet theoretisch große Einsparungen in Ladenmieten, Personal und Lagerlogistik möglich.

Die Dotcom-Blase, Phase 2: Der Hype – Risikokapital trifft auf Naivität

Die Technologie war Mitte der 1990er scheinbar da, die Ideen endlos – das sahen auch Banken und andere Investoren. Sie wollten diese neue Entwicklung auf keinen Fall verpassen – und vergaben als Risikokapitalgeber hohe Millionenbeträge an kleine Start-Ups. Die bestanden oft aus nicht viel mehr als einem Büro mit Internetverbindung und einer Idee in einem 5-seitigen Businessplan.

Das Problem: Nur wenige Informatiker konnten die tatsächlichen, praktischen Möglichkeiten der neuen Technologie wirklich einschätzen – und die arbeiteten entweder in der Forschung, waren selbst euphorisch oder fanden bei kritischer Zurückhaltung nur wenig Gehör.

Das fiktive Unternehmen „Anderlin Fashion“: Wachstum ohne Produkte
Die drei Internet-Entrepreneure von „Anderlin Fashion“ schrieben einen kurzen Businessplan, druckten ihn 30 mal aus und verschicken ihn per Post an Banken und sogenannte „Early Stage Venture Capital-Gesellschaften“, also Wagniskapital-Gesellschaften. Diese Gesellschaften statten vielversprechende, junge Unternehmen mit Kapital aus. Die positiven Antworten kamen in wenigen Tagen – das war Mitte und Ende der 1990er-Jahre normal, wenn die Geschäftsidee „irgendwas mit Internet“ war. Niemand wollte die Revolution des Mode-Shoppings verpassen.

„Anderlin Fashion“ eröffnete modernste Büros, stellte Entwickler für die Website ein, Designer für Werbefiguren, Mitarbeiter für Vertrieb und Einkauf und die angesagtesten Experten für Marketing.

Die Dotcom-Blase, Phase 3: Der Ansturm der Privatanleger auf „Internet-Aktien“

Auch private Anleger erkannten bald das unfassbare Potential des Internets und seiner kommerziellen Nutzung. Viele Privatanleger kauften Mitte und Ende der 1990er-Jahre Wertpapiere von Unternehmen, deren Geschäftsmodell sie nicht einmal oberflächlich verstanden. Wichtig war nur: Am Dotcom-Hype teilhaben, Internet-Aktien kaufen und auf höhere Kurse warten. Im Rausch des Hypes verschuldeten sich viele Privatanleger sogar, um neue Aktien zu kaufen. Zusammen mit dem Dotcom-Hype gab es plötzlich einen gesellschaftlichen „Trend“, Aktien zu besitzen. Wertpapiere waren „in“ – auch bei völliger Unkenntnis der grundlegendsten Mechanismen des Kapitalmarktes.

Das in Deutschland bekannteste Beispiel ist die „T-Aktie“. Die Aktie der Deutschen Telekom gab es erstmals am 18. November 1996 an der Börse zu kaufen. Dieser Börsengang wurde mit gewaltigen Werbeaktionen in allen Medien begleitet.

Die Aktie der Telekom wurde so als „Volksaktie“ in Szene gesetzt.

Sogar Promis warben im Fernsehen für einen Kauf der Aktie. Das feuerte auch in Deutschland den Hype und damit die Dotcom-Blase an: Im Dotcom-Boom kann jeder reich werden, wenn er Aktien kauft.

Ende der 1990er-Jahre bildeten sich auf der ganzen Welt neue Aktienindizes, die den „Neuen Markt“ abbilden sollten, etwa der NASDAQ in den USA oder der „Neue Markt Index“ („NEMAX“) in Deutschland. Viele Startups gingen sehr früh an die Börse, um noch mehr Kapital zu generieren. Die Nachfrage war da. Die Blase wuchs.

Das fiktive Unternehmen „Anderlin Fashion“: Geld verbrennen
Auch das Startup „Anderlin Fashion“ wollte nun an die Börse. Denn es brauchte mehr Kapital – trotz vieler Millionen Dollar Investorengeld. Denn: Das Unternehmen „verbrannte“ das Geld in hoher Geschwindigkeit. Buchstäblich kein Informatiker der Welt hatte wirklich belastbare Erfahrungen mit großen Shopsystemen, Währungen, Sprachen und mit Datenbanken, die an einen Online Shop anknüpfen. Teure Werbemaßnahmen verpufften wirkungslos, da der Onlinegang des Shops sich immer wieder kurzfristig verzögerte. Als der Shop dann online war, lief er extrem langsam – denn alle Kleidungsstücke waren mit Bildern zu sehen. Ein derartiges Datenvolumen war Ende der 1990er-Jahre selbst für High-End-56K-Modems zu viel.

Die Dotcom-Blase, Phase 4: Die Blase platzt

Freitag, der 15. September 2000: Der deutsche Internetanbieter Gigabell AG meldete überraschend Insolvenz an – 13 Monate nach dem Börsengang. Das Geld war aufgebraucht und Investoren wollten kein neues Geld geben. Erst ein paar Monate zuvor hatten namhafte Analysten Gigabell als einen der zukünftigen Global Player eingestuft.

In den USA ging der Blase schon seit März des gleichen Jahres die Luft immer schneller aus. Die Insolvenz des deutschen Hoffnungsträgers rüttelte auch die europäischen Banker wach. Die sahen nun genauer hin: Was tun die Unternehmen genau, in die wir investieren – außer neue Büros zu eröffnen? Die Euphorie der Investoren verschwand schnell. Sie versuchten Ihre Aktien zu verkaufen. Viele Start-Ups überlebten ohne neue Gelder nur noch einige Wochen. Vor allem Kleinanleger verloren Geld. Denn Großanleger reagierten schneller, zogen Kapital zurück und befeuerten die Abwärtsspirale. Wer im Sommer des Jahres 2000 Infineon-Aktien im Wert von 8000€ besaß, konnte sich ein gutes Jahr später über einen Restwert von ca. 1100€ freuen. Ein Verlust von über 86%.

Das fiktive Unternehmen „Anderlin Fashion“: Die Insolvenz
Der Online Shop war aufgrund mangelnder Webdesign-Erfahrung nicht nutzerfreundlich, ließ sich schlecht navigieren und umständlich bedienen. Unerfahrene Webdesigner trafen auf unerfahrene Web-Anwender. Dazu kam, dass Kunden, wenn sie kauften, unerwartet häufig von ihrem Recht der Rücksendung Gebrauch machten. Eine Möglichkeit, die von den jungen Entrepreneuren kaum bedacht wurde. Kunden schickten die Ware des Unternehmens unfrankiert zurück. Die Post stellte Anderlin Fashion das Porto in Rechnung. Zusammen mit dem sowieso kostenlosen Versand entstanden große Kosten für das junge Unternehmen. Letztlich musste das Start-Up Insolvenz anmelden. Wie bei hunderten anderen Dotcom-Startups fehlte es an allem, außer einer passablen Idee: technischem Know-How, Erfahrungen mit der „digitalen Welt“ und ihrer Dynamik – und unternehmerischem Maß.

Die Dotcom-Blase, Phase 5: Der Dotcom-Kater und die Überlebenden

Am 5. Juni 2003 schloss der deutsche Neue-Markt-Aktienindex, kurz NEMAX. Das Vertrauen der Anleger war empfindlich erschüttert. 9,7% der Deutschen besaßen im Jahre 2000 Aktien – dieser Wert wurde bis heute (Stand: März 2019) nie wieder erreicht.

Unternehmen, die die Dotcom-Blase überlebten, waren in der Regel solide. Amazon und der Google-Mutterkonzern Alphabet Inc. sind im März 2019 das dritt- und viert-wertvollste Unternehmen der Welt, nach Microsoft (1.) und Apple (2.).

Die Versprechen der Dotcom-Träumer waren nicht immer falsch, ihre Träume nicht unberechtigt. Der Hype war aber schneller als die technische Entwicklung und das nötige Know-How.

Das können wir als Anleger aus der Dotcom-Blase lernen

Viele Privatanleger setzten während Dotcom-Blase auf einzelne Aktien von Unternehmen, die sie nur dem Namen nach kannten.

Der Sturm auf die Dotcom-Aktien war keine rationale Geldanlage, hatte mit Vorsorge oder Absicherung nichts zu tun.

Wie der Kapitalmarkt grundsätzlich funktioniert, war vielen Anlegern nicht klar. Die T-Aktie wurden gekauft, „weil es alle anderen auch machten“ – und Storys von plötzlichen, zwei- bis dreistelligen Renditen in den Schlagzeilen waren. Das ist der Unterschied zwischen anlegen und spekulieren: Eine Geldanlage dient der Vorsorge, der langfristigen Vermögensbildung, der Absicherung. Eine Spekulation ist eine kurzfristige Wette auf hohe Rendite, oft bei wenig Informationen. Daraus können wir vier Dinge lernen:

Smavesto GmbH

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